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Zum Gedenken an Hans Morr

Die Überwaldbahn, Teil 2

 

Streckenkilometer 9 bis 16 - Bahnhof Ober-Waldmichelbach bis zum Streckenende in Wahlen

 

Während die Bahnstrecke von ihrem Ausgangspunkt in Mörlenbach stetig steigend und in schlängelndem Verlauf am rechten Talrand des Mörlenbachtals entlang ihren höchsten Punkt in Kreidach erreicht hat, führt sie nach einer Kurve im Wald-Michelbacher Tunnel geradelinig auf den Bahnhof Ober-Waldmichelbach zu. Bis Unter-Waldmichelbach fällt die Strecke um 62 Höhenmeter um hiernach nochmals bis zu ihrem Endpunkt in Wahlen ohne engere Kurven um etwa den gleichen  Betrag wieder auf 371 Meter üNN. anzusteigen.

 

In Wald-Michlbach wurden 2 Bahnhöfe angelegt. Einer im Oberdorf bei Streckenkilometer 9,6  und einer bei Streckenkilometer 10,8 um Unterdorf. Grund für die beiden Bahnhöfe war, dass sich Wald-Michelbach damals in ein Wohn- und eine Industrieareal aufteilte, welche räumlich getrennt voneinander lagen. Im Oberdorf befand sich der alte Ortskern mit Geschäften und im Unterdorf existierten Bergbau und holzverarbeitende Industriebetriebe, welche die Bahn für den Abtransport ihrer Erzeugnisse benötigten.

 

Die heute nicht mehr existierenden Hessischen Hölzer Werke verfügten über einen eigenen Gleisanschluß, über welchen schon zuvor die aus dem Grubenfeld Aussicht per Materialseilbahn gelieferten Erze verladen und zu den Eisenschmelzen in Lothringen transportiert wurden.

 

Streckenkilometer 9,6 - Bahnhof Ober-Waldmichelbach

In nächsten Bild sieht man auf der linken Seite das Wohnhaus ehemaliger Bahnbediensteter. In der Bildmitte das Bahnhofsgebäude, in welchem sich ein Fahrkartenschalter und ein Wartesaal befand. Heute beherbergt das Gebäude einen Pflegedienst und ein Bistro.

Im Vordergrund rechts befanden sich 2 Rangiergleise, welche in einen nicht mehr vorhandenen Lokschuppen mündeten. Der Lokschuppen stand auf der Fläche der neuzeitlichen Halle, rechts im nächten Bild. Diese dient heute dem Unterstand und als Reparaturstätte für die Elektrodraisinen.

Im Rahmen des Ausbaus für die Solardraisinen wurde das Bahnhofsareal umfänglich und nutzungsgerecht modernisiert.

Einfahrt Bahnhof Ober-Waldmichelbach

 

Folgende Bilder zeigten das Bahnhofsgebäude Ober-Waldmichelbach. Im rechten Foto auf der linken Seite ein Anbau, welcher zur Bahn-Betriebszeit als Umschlaglager genutzt wurde.

Bahngebäude von der Bahnseite aus aufgenommen

Ansicht von der Straßenseite

 

Zur Betriebszeit der Dampflokomotiven befand sich im Bahnhof Ober-Waldmichelbach ein Wasserkran. Mittels diesem wurden die Wassertanks der Dampflokomotiven aufgefüllt, da durch die starke Steigung von Mörlenbach bis nach Kreidach viel Dampf benötigt wurde. 

Wasserkran wie er am Bahnhof Wald-Michelbach zum Befüllen der Dampfloks stand (Quelle Wikipedia)

 

In der ehemaligen Lagerhalle rechts unten im kleinen Bild wurden überwiegend landwirtschaftliche Erzeugnisse und Brennstoffe gelagert. In den 1980-er Jahren befand sich hier eine Raiffeisen Niederlassung, welche in den Gebäuden Dünge- und Futtermittel sowie Handwerkzeuge für die hiesigen Landwirte lagerte bzw. dort verkaufte.

Rechts die ehemalige Lagerhalle

Die Straße "Am Bahnhof" ist eine Reminiszenz an die Bahnzeit

Am Bahnhof Ober-Waldmichelbach beginnt und endet die Draisinenstrecke

Der Gleis-Unimog dient der Streckenkontrolle und zum Schiebetransport defekter Draisinen

 

Nach dem Bahnhof Ober-Waldmichelbach überquert die Bahnlinie die Straße "Im Wetzkeil" über ein etwa sechs Meter hohes Brückenbauwerk. Dem Verlauf des talwärts strebenden Bahndamms wurde die parallel verlaufende Straße "Am Bahndamm" angebaut. Die Strecke beschreibt eine Rechtskurve und nähert sich damit der Hauptstraße von Wald-Michelbach, der Ludwigstraße.

Parallel zu dieser läuft die Bahnlinie in einer leichten Linkskurve dem Bahnhof Unter-Waldmichelbach zu, welchen sie bei Streckenkilometer 10,8 erreicht. Vorher wird noch der aus nord-westlicher Richtung talwärts laufende Gaderner Bach wiederum auf einem kleinen Brückenbauwerk überquert und die Straße "Am Bahndamm" gekreuzt.

 

Brückenbauwerk Wetzkeil
Überquerung des Gaderner Bachs in Höhe der Aldi Filiale

 

Streckenkilometer 10,9 - Bahnhof Unter-Waldmichelbach

 

Bahnhof Unter-Waldmichelbach mit Güterhalle von der Straßenseite aus

 

Der Unter-Waldmichelbacher Bahnhof lag im Zentrum des um 1900 dort befindlichen Wirtschaftsbereichs. Um ihn gruppierten sich für die damalige Zeit bedeutende Bergwerksfelder und Fabriken. Hierzu gehörten die Adolf Koch Werke in Aschbach und die Hessischen Hölzerwerke Schlerf in unmittelbarer Bahnhofsnähe.

Von den Gruben im Feld Seufzen "Aussicht" verlief eine Materialseilbahn der renomierten Fa. Adolf Bleichert aus Leipzig vom Grubenfeld bis an den Bahnhof. Dort wurden die Erze gereinigt und getrocknet um anschließend mit der Bahn nach Lothringen zur Verhüttung transportiert zu werden. Die dortigen Industriegebiete geörten bis nach dem 1. Weltkrieg zum Deutschen Reich.

Die Hessichen Hölzerwerke waren mit bis zu 1.500 Beschäftigten der größte Arbeitgeber der Region. Sie verarbeiteten das im Überwald reichlich vorkommend Holz zu Gebrauchsgegenständen wie Besen, Bürsten und Kleiderbügel. 

Die Fa. Adolf Koch war Hersteller von Pappen und Kartonagen. Unter anderem wurden Schuheinlagen und PKW Türverkleidungen produziert. Die Industriegebäude wurden nach Insolvenz der Firma in den 60-er Jahren niedergelegt. Heute befindet sich auf deren ehemaligem Areal der Bauhof der Gemeinde Wald-Michelbach und weitere Kleinfirmen. 

Die Überwaldbahn war für den Transport aller Fertigprodukte ins Rheintal und darüber hinaus, sowie das Pendeln der Arbeiter aus dem Mörlenbach- und Ulfenbachtal existentiell. Umgekehrt wurde damals die in allen Haushalten benötigte Kohle für den Hausbrand von den Rheinhäfen in Mannheim  mittels Bahn in den Odenwald transportiert.

Aber auch die hiesigen Kleinunternehmen wie Steinbrüche, Sägewerke, Mühlen und Schmieden waren auf den im Vergleich zum Fuhrwerk preisgünstigen Bahntransport angewiesen.

Bahnhof-Unterwaldmichelbach mit ehemaligem Rangierbereich (im Vordergrund)

 

Entsprechend groß war das Areal der Bahnhofs Unter-Waldmichelbach. Nur mittels seines verzweigten Gleisnetzes war das Rangieren, Be- und Entladen der Züge zu bewerkstelligen. Auf alten Bildern sind noch die umfangreichen Umschlaghallen zu sehen, welche ehemals als Zwischenlager dienten, heute aber längst niedergelegt sind.

 

Ab dem Bahnhof Unter-Waldmichelbach wurden die Gleise der Überwaldbahn entfernt. Der Bahndamm dient heute als Wander- und Radweg. Außer dem Bahndamm selbst und einigen Kilometersteinen erinnert dort und bis zum Ende der Bahnlinie in Wahlen nur noch wenig an die Eisenbahnzeit. 

 

Das Erhaltene wollen wir uns aber dennoch ansehen.

 

Bahnrelikte im Bereich des Unter-Waldmichelbacher Bahnhofs:

Prellbock
Weichen-Signalblock
Weichen-Stellkasten
Natur erobert Technik

 

Streckenkilometer 11,9 - Haltepunkt Aschbach

Nur eine Kilometer vom Bahnhof Unter-Waldmichelbach entfernt befand sich der Haltepunkt Aschbach. Der Haltepunkt lag- wie die zurück liegenden Haltepunkte- etwa 500 Meter vom Dorfzentrum entfernt. Er verfügte über ein aus Backsteinen gemauertes Warteäuschen mit Flachdach, welches heute noch mit vermauerten Fenstern und verschlossener Tür erhalten ist. Ebenso kann man den davor verlaufende Bahnsteig noch erkennen.

Haltepunkt Aschbach mit davor verlaufendem Bahnsteig

 

Nach dem Haltepunkt Aschbach läuft der gleislose Bahndamm an einem ehemaligen Steinbruch vorbei. Die Abbaustelle beträgt ca. 50 m Länge x 30 m Tiefe und 20 m Höhe. Interessant ist die Tatsache, dass der Steinbruch zeitweise über einen eigenen Bahnanschluß verfügte. Dessen Damm lässt sich heute noch unschwer unmittelbar parellel zum Hauptdamm verfolgen (rote Füllung im nächsten Bild). Schaut man sich die Gegebenheit vor Ort an so kann man leicht nachbvollziehen, wie die gebrochenen Steine auf tiefwandige Güterwagen verladen wurden. In wie weit dies unter Zurhilfenahme von Hebe- oder Verladeanlagen geschah läßt sich nicht mehr ermitteln.

Dass aber eben solche vorhanden waren kann man aus Betonfundamenten mit darin eingelassenen Gewindestäbern schließen, welche man im vorderen Bereich des Steinbruchs noch findet (rot umrandet im übernächsten Bild). 

Steinbruch links des Bahndamms
Im rot markierten Bereich verlief das Verladegleis
Fundamentblock mit Gewindestangen (rot umrandet). Darunter bzw. am oberen Bildrand verläuft der Bahndamm.
Bahndamm der Überwaldbahn zwischen Aschbach und Affolterbach
Die Trasse hinter der Heckenmühle

Affolterbach, Kreuzung Mühlstraße

Affolterbach, Bahndamm vor der Fa. Jöst Racing

Wie in so manchem ehemaligen Bahnort erinnert auch in Affolterbach das längst geschlossene Gasthaus "Zur Eisenbahn" an die über 80-jährige Zeit des Bahnbetriebs.

Ehemaliges Gasthaus "Zur Eisenbahn" in Affolterbach

 

Immer weiter an der linken Talseite des Ulfenbachtal verlaufend nähert sich der gleislose Bahndamm seinem einstigen Endpunkt in Wahlen. Vorher wird letztmalig ein Bachlauf (der Hammelbach) mit einem schmucken Brückenenbauwerks überquert.

Brücke über den Hammelbach

 

In Wahlen würde heute eigentlich fast nichts mehr an den Bahnbetrieb und das Streckenende der Überwaldbahn erinnern. Sämtliche Bahnhofs- und Lagergebäude wurden nach Betriebseinstellung niedergelegt und das Areal des ehemaligen Bahnhofs in eine Parkanlage umgewandelt.

Ortsansässige Eisenbahnfreunde haben jedochin der jüngsten Vergangenheit eine kleine Diesel-Rangierlock aus dem Bahnhof Hetzbach erworben, liebevoll restauriert und auf einem kurzen Gleisstück zusammen mit Kilometersteinen und dem Ortsschild auf dem Areal des ehemaligen Wahlener Bahnhofs aufgestellt.

Somit existiert nun auch wieder in Wahlen ein Eisenbahnrelikt und erinnert an die Zeit, als durch die Bahn auch im Überwald das Industriezeitalter anbrach.

Einfahrt in den ehemaligen Sackbahnhof Wahlen
Rangierlock "Molly" am Streckenende der Überwaldbahn
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© Hans-Günther und Jürgen Morr